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Verwaltungsrecht

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Asylrecht: Zur Auswirkung möglicher Verfahrensfehler beim Dublin-Verfahren

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Es gilt die Vermutung, dass Asylbewerbern in jedem Mitgliedsstaat eine Behandlung entsprechend den Erfordernissen der Charta, der Genfer Flüchtlingskonvention und der EMRK zukommt.
Das VG Magdeburg hat in seinem Beschluss vom 23.06.2015 (Az.: 9 B 125/15) folgendes entschieden:


Gründe:

Der Antragsteller wendet sich mit seinem - gleichzeitig mit der Klage - am 06.02.2015 beim Gericht eingegangenen Antrag auf Gewährung vorläufigen Rechtsschutzes gegen den Bescheid der Antragsgegnerin vom 20.01.2015, mit welchem der Asylantrag gemäß § 27 a AsylVfG als unzulässig abgelehnt sowie die Abschiebung des Antragstellers nach Bulgarien angeordnet wurde.

Der zulässige Antrag, die aufschiebende Wirkung seiner Klage gegen den Bescheid vom 20.01.2015 anzuordnen, ist unbegründet.

Gemäß § 34 a Abs. 1 AsylVfG in der hier anzuwendenden Fassung des Art. 1 Nr. 27 des Gesetzes zur Umsetzung der Richtlinie 2011/95/EU vom 28. August 2013 , die nach Art. 7 Satz 2 dieses Gesetzes am Tag nach der Verkündung - somit dem 6. September 2013 - in Kraft getreten ist, ordnet das Bundesamt, sofern ein Ausländer in einen sicheren Drittstaat oder in einen für die Durchführung des Asylverfahrens zuständigen Staat abgeschoben werden soll, die Abschiebung in diesen Staat an, sobald feststeht, dass sie durchgeführt werden kann. Dies gilt auch, wenn der Ausländer den Asylantrag in einem anderen aufgrund von Rechtsvorschriften der Europäischen Union oder eines völkerrechtlichen Vertrages für die Durchführung des Asylverfahrens zuständigen Staat gestellt oder vor der Entscheidung des Bundesamtes zurückgenommen hat. Einer vorherigen Androhung und Fristsetzung bedarf es nicht.

Wegen §§ 27 a, 34 a AsylVfG ist im Rahmen einer Interessenabwägung vorrangig zu beurteilen, ob das Land, auf welches die Abschiebungsanordnung lautet für die Durchführung des Asylverfahrens zuständig ist bzw. ob diese Zuständigkeit ausnahmsweise wegen systemischer Mängel im Asyl- oder Aufnahmeverfahren in Durchbrechung des Systems der Bestimmungen der Dublin-Verordnungen entfallen sein könnte.

Die Klage gegen die Feststellung der Unzulässigkeit des Asylantrages sowie gegen die Abschiebungsandrohung hat keine aufschiebende Wirkung. Die aufschiebende Wirkung kann jedoch gemäß § 34 a Abs. 2 i. V. m. § 80 Abs. 2 Ziffer 3, Abs. 5 VwGO durch das Gericht angeordnet werden. Die Antragsfrist von einer Woche ist eingehalten.

Für eine nach § 80 Abs. 5 Satz 1 VwGO zu treffende Entscheidung ist maßgebend, ob das private Interesse des Antragstellers, von der Vollziehung des angefochtenen Verwaltungsaktes vorerst verschont zu bleiben, das öffentliche Interesse am Vollzug des Verwaltungsaktes überwiegt. Bei dieser Abwägung sind die Erfolgsaussichten des Rechtsbehelfs vorrangig zu berücksichtigen ; § 36 Abs. 4 AsylVfG findet keine Anwendung.

Bei einem offenem Ausgang des Klageverfahrens ist im Rahmen der Interessenabwägung zwar stets zu berücksichtigen, dass der Gesetzgeber in den Fällen, die - wie hier - nicht von § 75 Abs. 1 Satz 1 AsylVfG erfasst werden, einen grundsätzlichen Vorrang des Vollziehungsinteresses angeordnet hat und es deshalb besonderer Umstände bedarf, um eine hiervon abweichende Entscheidung zu rechtfertigen. Gleichwohl ist der Rechtsschutzanspruch umso stärker und darf umso weniger zurückstehen, je schwerwiegender die dem Einzelnen auferlegte Belastung ist und je mehr die Maßnahmen der Behörde Unabänderliches bewirken. Deshalb ist wegen der mit der Abschiebung verbundenen Unabänderbarkeit bereits dann das Aussetzungsinteresse höher als das nur zeitweilige Absehen von der Abschiebung zu bewerten, wenn infolge derselben eine Verletzung von Grundrechten nach der EU-Grundrechte-Charta nicht ausgeschlossen werden kann. Dies ist der Fall, wenn ernst zu nehmende, hinsichtlich der Schwere und Offensichtlichkeit aber noch weiter aufklärungsbedürftige Anhaltspunkte für eine mit Artikel 3 EMRK bzw. Artikel 4 GrCh nicht in Einklang stehende Umstände bestehen. Für einen offenen Ausgang des Hauptsacheverfahrens kann auch sprechen, wenn die beachtliche Frage in der Rechtsprechung der Verwaltungsgerichte gegensätzlich beurteilt wird.

Diese Anforderungen an die gerichtliche Entscheidung gestellt, kann vorliegend ausgeschlossen werden, dass die so von der Antragsgegnerin angenommene Zuständigkeit Bulgarien wegen des Bestehens systemischer Mängel entfallen ist. Anders gewendet: Die Zuständigkeit der Bundesrepublik Deutschland für die Entscheidung über den Asylantrag im Wege des Selbsteintritts ist auszuschließen. Das Hauptsacheverfahren ist insoweit gerade nicht als offen im oben erörterten Sinne anzusehen.

Dem Gemeinsamen Europäischen Asylsystem, zu dem insbesondere die Dublin-Verordnungen gehören, liegt die Vermutung zugrunde, dass jeder Asylbewerber in jedem Mitgliedsstaat gemäß den Anforderungen der Charta der Grundrechte der Europäischen Union , des Abkommens über die Rechtsstellung der Flüchtlinge vom 28. Juli 1951 sowie der Europäischen Konvention der Menschenrechte und Grundfreiheiten vom 4. November 1950 behandelt wird. Es gilt daher die Vermutung, dass Asylbewerbern in jedem Mitgliedsstaat eine Behandlung entsprechend den Erfordernissen der Charta, der Genfer Flüchtlingskonvention - GFK - und der Europäischen Menschenrechtskonvention - EMRK - zukommt. Die diesem „Prinzip des gegenseitigen Vertrauens“ bzw. dem „Konzept der normativen Vergewisserung“ zugrunde liegende Vermutung ist jedoch dann als widerlegt zu betrachten, wenn den Mitgliedstaaten „nicht unbekannt sein kann“, also ernsthaft zu befürchten ist, dass dem Asylverfahren einschließlich seiner Aufnahmebedingungen in einem zuständigen Mitgliedstaat derart grundlegende, systemische Mängel anhaften, dass für dorthin überstellte Asylbewerber die Gefahr besteht, einer unmenschlichen oder erniedrigenden Behandlung im Sinne von Art. 4 GR-Charta ausgesetzt zu werden. In einem solchen Fall ist die Prüfung anhand der Zuständigkeitskriterien der Dublin-Verordnungen fortzuführen, um festzustellen, ob anhand der weiteren Kriterien ein anderer Mitgliedstaat als für die Prüfung des Asylantrages zuständig bestimmt werden kann; ist zu befürchten, dass durch ein unangemessen langes Verfahren eine Situation, in der Grundrechte des Asylbewerbers verletzt werden, verschlimmert wird, muss der angegangene Mitgliedstaat den Asylantrag selbst prüfen.

Bezüglich dieser prinzipiellen Zuständigkeit Bulgariens besteht zwischen den Beteiligten kein Streit. Allein entscheidend ist, ob in Bulgarien sogenannte systemische Mängel des Asylverfahrens und/oder der Aufnahmebedingungen bestehen, wonach dem Antragsteller im Falle seiner Abschiebung in Bulgarien eine unmenschliche oder erniedrigende Behandlung i. S. v. Art. 3 EMRK droht.

Systemische Schwachstellen sind solche, die entweder bereits im Asyl- und Aufnahmeregime selbst angelegt sind und von denen alle Asylbewerber oder bestimmte Gruppen von Asylbewerbern deshalb nicht zufällig und im Einzelfall, sondern vorhersehbar und regelhaft betroffen sind, oder aber tatsächliche Umstände, die dazu führen, dass ein theoretisch sachgerecht konzipiertes und nicht zu beanstandendes Asyl- und Aufnahmesystem - aus welchen Gründen auch immer - faktisch ganz oder in weiten Teilen seine ihm zugedachte Funktion nicht mehr erfüllen kann und weitgehend unwirksam wird. Dabei ist der Begriff der systemischen Schwachstelle nicht in einer engen Weise derart zu verstehen, dass er geeignet sein muss, sich auf eine unüberschaubare Vielzahl von Antragstellern auszuwirken. Vielmehr kann ein systemischer Mangel auch dann vorliegen, wenn er von vornherein lediglich eine geringe Zahl von Asylbewerbern betreffen kann, sofern er sich nur vorhersehbar und regelhaft realisieren wird und nicht gewissermaßen dem Zufall oder einer Verkettung unglücklicher Umstände bzw. Fehlleistungen von in das Verfahren involvierten Akteuren geschuldet ist.

Wesentliche Kriterien für die zu entscheidende Frage, ob aufgrund solcher systemischer Schwachstellen eine unmenschliche oder erniedrigende Behandlung droht, finden sich in der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte zu Art. 3 EMRK. Dies bedeutet aber nicht, dass die Vertragsparteien verpflichtet sind, jedermann mit einer Wohnung zu versorgen oder die allgemeine Verpflichtung, Flüchtlinge finanzielle Unterstützung zu gewähren oder ihnen einen bestimmten Lebensstandard zu ermöglichen. Mit der Richtlinie 2013/33/EU des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26.06.2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen, wurden Minimalstandards von Asylsuchenden festgelegt. Sie geben für alle Mitgliedsstaaten verbindlich vor, was das Asylsystem zu leisten imstande sein muss. Dabei wird die Nichterfüllung eines einzelnen Standards der Aufnahmerichtlinie ohne Weiteres eine systemische Schwachstelle nicht ausmachen. Dementsprechend ist ein weites Verständnis der systemischen Schwachstellen zugrunde zu legen.

Unstreitig gehen alle Gerichte davon aus, dass nach den vorliegenden Erkenntnismitteln bis ins Jahr 2014 hinein das bulgarische Asylsystem durch die im Laufe des Jahres 2013 erheblich angestiegene Zahl von Asylbewerbern trotz entsprechender Warnung völlig unvorbereitet und total überfordert wenn nicht gar kollabiert gewesen war. Dies hatte erhebliche negative Auswirkungen auf alle Phasen und Aspekte des Asylsystems. Bulgarien hat in der Folgezeit mit massiver Unterstützung des UNHCR und anderer Organisationen eine Reihe von erheblichen Verbesserungen in vielen Bereichen erzielen können. Insbesondere seien Mitarbeiter eingestellt und geschult worden, um die Asylantragstellung zu beschleunigen sowie die Entscheidungsqualität zu verbessern. In den Aufnahmeeinrichtungen seien Renovierungen vorgenommen um die Lebensbedingungen in vielen Bereichen zu verbessern. Den Berichten ist ein Bemühen der bulgarischen Regierung und der bulgarischen Behörden zu entnehmen, in Zusammenarbeit mit den genannten Institutionen eine Verfahrens- und Aufnahmequalität zu erreichen, die den Anforderungen der internationalen und europäischen Vorgaben entspricht. Ihnen ist aber auch zu entnehmen, dass diese Bemühungen aufgrund der bis Januar 2014 bestehenden massiven Defizite in vielen Bereichen bzw. Örtlichkeiten noch nicht zu adäquaten Zuständen bzw. entsprechenden Verfahrensbedingungen geführt hätten und vor allen Dingen nicht sichergestellt sei, dass die Verbesserungen von Dauer seien, weil sie zum Teil auf begrenzte Initiativen beruhten. So weist auch der UNHCR in seinem Bericht vom April 2014 auf eine Reihe von - nach wie vor bestehenden - deutlichen Defiziten hin und spricht diesbezüglich etliche Empfehlungen aus, sieht aber nunmehr von der Empfehlung einer generellen Aussetzung der Abschiebungen ab. Schwächen bestünden noch im Hinblick auf den Zugang nach Bulgarien an den Grenzen, in zwei von sieben Zentren seien die Aufnahmebedingungen ungeeignet, auf Personen mit besonderen Bedürfnissen könne nicht entsprechend reagiert werden und die Asylverfahren müssten nach wie vor qualitativ verbessert werden, einschließlich der Bereitstellung von Informationen in einer Sprache, die die Asylsuchenden verstünden. Dringend notwendig sei, den Personen mit Schutzstatus Zugang zu Bildung, medizinischer Versorgung und Integrationsmaßnahmen zu gewähren.
Amnesty international hält in seiner Stellungnahme vom 01.04.2014 und der ECRE in seiner Stellungnahme 07.04.2014 fest, dass von Überstellungen nach Bulgarien weiterhin abgesehen werden sollte. Letzte Informationen bieten die Auskunft des UNHCR vom 23.12.2014 an VG B-Stadt und die Dokumentation von PRO ASYL vom April 2015 , welche auf der Zusammenstellung mehrerer Einzelschicksale beruht.

Innerhalb der Prüfung des Zugangs zum Asylsystem in Bulgarien als systemisches Versagen ist das Problem des Zugangs zum Staatsgebiet aufgrund Abschottung im Sinne des sogenannten REFOULEMENT-Verbotes oder auch „Push Back“ zu nennen. Denn die erwähnten vom UNHCR geforderten Verbesserungen hinsichtlich des bulgarischen Asylsystems hatten zur Folge, dass die bulgarische Regierung im Sinne einer Abschottung die Grenzanlagen zur Türkei dahingehend vervollständigte und besser überwachte, dass Zurückschiebungen über die Grenze in die Türkei erfolgten und erfolgen. Damit dürfte Bulgarien gegen das unionsrechtliche wie auch das völkerrechtliche REFOULEMENT-Verbot nach Art. 21 Abs. 1 QRL bzw. Art. 33 GFK verstoßen haben. Denn zum einen ist die Türkei kein sicherer Drittstaat und zum anderen hat sich Bulgarien offensichtlich nicht vergewissert, dass die Türkei nicht in einem potentiell verfolgenden Herkunftsstaat „weiterschiebt“.

Diesen Umstand greift das Verwaltungsgericht Oldenburg auf und schlussfolgert aus aktuellen überwiegend Medienberichten, dass es der bulgarischen Regierung weniger um die Finanzierung bzw. Verbesserung eines Integrationsprogramms für Flüchtlinge als vielmehr um die Forderung finanzieller Mittel von der EU zur Grenzsicherung gehe. Das Verwaltungsgericht Oldenburg führt aus, dass dies den Schluss zulasse, „dass die neue Regierung bei der Bewältigung des Flüchtlingsproblems eher auf die europarechtswidrige Verhinderung von Grenzübertritten setzt als auf Integration.“

Letztendlich kann dieser Verstoß aber dahinstehen. Denn der Antragsteller kann sich mangels individueller Betroffenheit nicht darauf berufen. Er befindet sich im Rechtsgebiet der Europäischen Union und läuft bei einer Abschiebung von Deutschland nach Bulgarien gerade nicht Gefahr zu dem Europäischen Asylsystem - erneut - Zugang erlangen zu müssen. Dabei darf rechtlich auch auf diese „individuelle Betroffenheit“ von einem systemischen Mangel abgestellt werden. Denn allein die Feststellung eines systematischen Versagens eines Mitgliedstaates sagt noch nichts darüber aus, ob der betreffende Flüchtling im Falle seiner Rückkehr auch tatsächlich eine unmenschliche oder erniedrigende Behandlung droht. Insoweit müssen sich die „systemische Schwachstelle“ und die „individuelle Menschenrechtsverletzung“ decken. Die Widerlegung der unionsrechtlichen Vermutung des Prinzips des gegenseitigen Vertrauens setzt deshalb voraus, dass das Asylverfahren oder die Aufnahmebedingungen im zuständigen Mitgliedsstaat aufgrund größerer Funktionsstörungen regelhaft so defizitär sind, das anzunehmen ist, das dort auch dem Asylbewerber im konkret zu entscheidenden Einzelfall mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit eine unmenschliche oder erniedrigende Behandlung droht. Diese Prüfung müssen die deutschen Verwaltungsgerichte aufgrund des Untersuchungsgrundsatzes und des Überzeugungsgrundsatzes vornehmen.

Nimmt man diese „Grenzabschottung“ zum Anlass, deren Auswirkungen auf das bulgarische Asylsystem und hier insbesondere die Unterbringungsmöglichkeiten zu untersuchen, führt dies auch nicht weiter. Zweifellos wird das von der bulgarischen Regierung bestrebte und festzustellende Vorgehen hinsichtlich seiner Grenzsicherung dazu geführt haben, dass die Asylbewerberzahlen drastisch zurückgegangen sind. Dadurch beeinflusst, ja steuert Bulgarien das dortige Asylsystem nachhaltig, so dass eine „Entwarnung“ noch nicht gegeben werden kann. Das Verwaltungsgericht Oldenburg stellt zutreffend mit Verweis auf Medienquellen fest, dass von einer generellen „Wende“ der bulgarischen Flüchtlingspolitik nicht ausgegangen werden kann. Denn Äußerungen der seit November 2014 im Amt befindlichen bulgarischen Regierung lassen ahnen, dass die Flüchtlingspolitik eher im Sinne einer Verhinderung als einer Integration der Asylbewerber verstanden wird. Im Nachrichtenmagazin „DER SPIEGEL“ Ausgabe 19/2015 wird der stellvertretende bulgarische Innenminister Filip Gunew zitiert: „Bulgarien ist kein reiches Land. Wir können unsere eigenen Bürger kaum versorgen. Wie sollen wir den Flüchtlingen helfen?“

Gleichwohl kommt das erkennende Gericht nicht daran vorbei, dass nach der Auskunft des UNHCR vom 23.12.2014 an das VG B-Stadt in den sieben Unterbringungseinrichtungen eine Gesamtkapazität von 6000 Personen zur Verfügung stehe, wobei per 03.11.2014 nur 3910 Personen untergebracht seien. Diese Angabe deckt sich mit derjenigen an den VGH Baden-Württemberg vom 07.11.2014, wonach 35% der Gesamtplätze noch nicht ausgeschöpft seien. Wird hingegen im Wirtschaftsblatt vom 15.01.2105 ausgeführt, dass monatlich bis zu 3.000 Flüchtlinge illegal nach Bulgarien über die Landesgrenze zur Türkei einreisen und momentan rund 8.000 Flüchtlinge in den Aufnahmezentren untergebracht seien, so dass die Aufnahmekapazität der Flüchtlingsheime fast ausgeschöpft sei, erscheint diese Angabe nicht hinreichend belastbar. Denn zum einen widerspricht eine solche hohe Flüchtlingszahl gerade der Grenzsicherung und zum anderen mag die Zahl von damals 8000 Flüchtlingen zum Jahresbeginn 2015 auf ein unterschiedliches Verständnis der Aufnahme- und Unterbringungsmöglichkeiten beruhen. Denn soweit in dem Bericht von Aufnahmezentren im Grenzgebiet gesprochen wird, könnte es sich um Einrichtungen für die „Einwanderungshaft“ handeln. UNHCR führt in seiner Auskunft vom 23.12.2014 zu dem Prozedere der Aufnahme aus :

„Bulgarien verfügt derzeit über insgesamt drei Einrichtungen für die Einwanderungshaft: zwei SCTAFs - eine in Busmantsi und eine in Lyubimets , und die vorübergehende Einrichtung für Einwanderungshaft, das Allocation Centre Elhovo. Während es sich bei den SCTAFS in erster Linie um Einrichtungen für die Abschiebehaft handelt, wurde das AC in Elhove im Oktober 2013 vom Innenministerium eingerichtet, um Asylbewerber und andere unter den illegal gemischt ankommenden Migranten zu identifizieren, deren Zahl stark gestiegen ist. Diese illegalen gemischten Migranten, die kein Asyl beantragen werden an die SCTAFS weitergeleitet, um dort ein reguläres Immigrationsverfahren zu durchlaufen. Viele beantragen während ihrer Inhaftierung im SCTAF Asyl und werden nach Einreichung der Anträge bei der SAR und der hier stattfindenden Bearbeitung der notwendigen Formalitäten aus den SCTAFS an eine SAR-Einrichtung verwiesen. Des Weiteren werden nicht registrierte, bei Polizeidurchsuchungen festgesetzte Ausländer in den SCTAFs festgehalten, die dann an eine SAR-Einrichtung verwiesen werden können, wen sie Asyl beantragen. Außerdem können Ausländer, die von den Grenzbehörden bei der illegalen Ausreise aus Bulgarien oder dem entsprechenden Versuch abgefangen werden, in den SCTAFs festgehalten werden, und nachfolgend an eine SAR-Einrichtung verwiesen werden, wenn ebenso wenig tragen. Zusätzlich können auch „Dublin-Rückkehrer“ unter bestimmten Umständen in einem SCTAF, wie in Absatz 2 oben beschrieben, festgehalten werden.“

Nach Angeben von PRO ASYL in dem Bericht vom April 2015 , hätten mit Verweis auf UNHCR im Jahr 2014 von 38.500 Flüchtlingen nur 6000 bulgarisches Territorium erreicht und 11.080 Personen hätten nach Angaben von Eurostat Schutzgesuche gestellt.

Demnach gibt es für das Gericht zum erheblichen Zeitpunkt seiner Entscheidung keine greifbaren Anhaltspunkte dafür, dass die angegebene Aufnahmekapazität von 6000 Flüchtlingen derzeit nicht ausreicht bzw. wegen Überbelegung erschöpft ist und der bulgarische Staat etwa keine Anstrengungen zur Bewältigung eines Ansturms unternimmt. Dies auch unter der Bemerkung des UNHCR vom 23.12.2014, dass sich aufgrund des ständigen Anstiegs der Anzahl der neuen Anträge, die Registrierung und Bearbeitung der neuen Asylanträge „seit kurzem“ etwas verlangsamt, da die SAR weiterhin nicht über eine ausreichende Zahl an Dolmetschern und Mitarbeiter für die Registrierung und Befragung verfüge. Die neu installierte Vidiokonferenz-Ausrüstung in zwei Einrichtungen solle dabei helfen das Verfahren zu beschleunigen. Da sowohl die Aufnahme- als auch die Bearbeitungskapazität seit Anfang 2014 erhöht worden seinen, „funktioniert das Asylsystem einigermaßen.“ Um allerdings die bisher bei den Aufnahme- und Bearbeitungskapazitäten erfolgten Verbesserungen beizubehalten, benötige die SAR weitere Mittel.

Gleichwohl in der UNHCR Auskunft vom 23.12.2104 Angaben zu den im Bericht von April 2014 noch als inakzeptabel bezeichneten Aufnahmeeinrichtungen in Vrazdebna und Voenna Rampa fehlen, spricht dies nicht gegen die Verwertbarkeit oder Unschlüssigkeit der Auskunft. Denn insoweit mögen sich die Verhältnisse auch dort verbessert haben.

Stehen daher verschiedene Flüchtlingszahlen mit den unterschiedlichen Erfassungen bzw. Unterbringungen der Migranten im Zusammenhang, kann aus der Gefahr der möglichen Inhaftierung beim Grenzübertritt allein keine Funktionsstörung abgeleitet werden, zumal der sich in Deutschland befindliche Asylbewerber ebenso wie im Falle des „Push Back“ gerade nicht darauf berufen kann. Denn insoweit gibt es keine Anhaltspunkte für eine drohende Inhaftierung.

Die nach den zu verwertenden Quellen unstreitig vorgenommenen Verbesserungen des bulgarischen Asylssystems und die daraus resultierenden Entwicklungen im Laufe des Jahres 2014 belegen, dass derzeit bei der Durchführung des Asylverfahrens und bei den Aufnahmebedingungen systemische Schwachstellen, welche zu einer unmenschlichen oder erniedrigende Behandlung der Flüchtlinge führen, nicht zu erkennen sind. Es ist nicht so, dass sich Bulgarien dem europäischen Asylsystem verweigert bzw. das Asylsystem unvorbereitet aufgrund des hohen Flüchtlingsstroms kollabiert. Am 17.10.2013 wurde der EASO Operating Plan to Bulgaria für den Zeitraum vom November 2013 bis September 2014 und im Anschluss daran am 05.12.2014 der „Special Support Plan“ zwischen der bulgarischen Regierung und dem Europäischen Unterstützungsbüro für Asylfragen beschlossen. EASO überprüfte im Februar 2014 die Situation. Im Gegensatz zum Herbst 2013 sei die ordnungsgemäße Registrierung Asylsuchender einschließlich der notwendigen Informationen über den Zugang zum Asylverfahren gewährleistet. Ein Rückstau bestehe nicht mehr und die Durchführung der Asylverfahren sei verbessert worden. Im Dezember 2014 stellte EASO fest, das die Kapazitäten zur Aufnahme und Registrierung von Asylbewerbern signifikant angestiegen und entsprechende Reaktionsmöglichkeiten vorhanden seien. Trotz dieses bedeutenden Fortschritts sei Bulgarien aber wegen seiner EU Außengrenze weiterhin einem starken Druck ausgesetzt. Die Evaluation des „Operating Plan“ habe deshalb dazu geführt, dass ergänzende bzw. Folgeaktionen vorgeschlagen würden, vor allem für besonders schutzbedürftige Personen. Angesichts der Gesamtumstände bestehe noch - zunächst bis Juni 2016 - die Notwendigkeit zu weiterer, spezieller Unterstützung, deren Ausgestaltung im Einzelnen dargelegt wird. In Erwartung eines im Jahr 2015 weiter ansteigenden Migrationsdrucks sollen der laufende Aktionsplan fortgesetzt und ergänzende Aktionsmöglichkeiten geschaffen werden. Bereits während der letzten zwölf Monate he das bulgarische Asylsystem wichtige Entwicklungen vollzogen. Im Oktober 2015 solle erneut eine Halbzeitbilanz erstellt werden.

Gegen die Versorgung der Flüchtlinge in den Aufnahmeinrichtungen ist auch nichts einzuwenden. UNHCR führt aus, dass es warme Mahlzeiten und eine medizinische Grundversorgung der Bewohner gebe. Durch die UNHCR-Förderung sorgten Partnerorganisationen für Gemeinde- und Sozialdienste, rechtliche Beratung und nicht offizielle Bulgarisch-Sprachkurse. UNHCR übernehme den Feldschutz und die Überwachung der Gemeindedienste in den Einrichtungen. Der Antwort der Bundesregierung vom 20.05.2014 auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten... u. a. zur Lage im Asylsystem in Bulgarien , ist mit Verweis auf UNHCR und EASO zu entnehmen, dass die Kapazitäten zur Bewältigung der Asylverfahren durch technische und personelle Aufrüstung sowie Ausbildung des Personals signifikant gestiegen seien. Alle Unterkünfte seien renoviert bzw. moderne Wohncontainer angeschafft worden. Anfangs nur unzureichend vorhandene Duschen und Toiletten seien in fast allen Zentren erneuert worden. Die Räumlichkeiten seien beheizt, es stünden getrennte Einrichtungen für alleinstehende Frauen und Männer zur Verfügung. Eine monatliche Grundsicherung für Schutzsuchende von 33 Euro werde ausgezahlt.

Soweit von ai und ecre oder Human Rights Watch noch zu Jahresanfang 2014 Mängel aufgezeigt wurden, beruht dies darauf, dass die geschilderten Anstrengungen zur Verbesserung der Flüchtlingssituation noch nicht umgesetzt waren bzw. gegriffen haben.

Die von PRO ASYL herausgegebene Dokumentation vom April 2015 ist nicht geeignet, den entscheidungserheblichen augenblicklichen Zustand des bulgarischen Asylsystems zu beleuchten. Denn die dort zusammengetragenen zehn Einzelschicksale stammen aus dem Jahr 2013, also einem Zeitraum vor den eingeleiteten Reformen und sind damit nicht aktuell. Gleiches gilt für die Darstellung von bordermonitoring. Ähnliches gilt für immer wieder aufzufindende Medienberichte. So beschreibt auch das Nachrichtenmagazin „DER SPIEGEL“ in seiner Ausgabe 19/2015 Einzelschicksale und Vorkommnisse aus dem Jahr 2013.

Die nach der Gesamtschau immer noch festzustellenden vereinzelten Defizite im bulgarischen Asylsystem vermögen demnach die strengen Anforderungen zum Vorliegen einer systemischen Schwachstelle gleichsam als Voraussetzung für die dem Flüchtling drohende unmenschliche oder erniedrigende Behandlung im Sinne des Art. 3 EMRK nicht zu rechtfertigen.

Soweit der Antragsteller Verfahrensfehler bei der Durchführung des Dublin-Verfahrens geltend macht, hilft dies nicht weiter. Denn diese sind unschädlich und zudem wird die Zuständigkeit selbstständig vom erkennenden Gericht überprüft. Der Aufenthalt des Antragstellers in Bulgarien ist durch die sogenannte Eurodac-Datenbank nachgewiesen. Bulgarien erklärte seine Zuständigkeit.

Auch der Einwand des Antragstellers, er sei nicht gemäß Art. 4 Dublin III-VO über die Anwendung der Dublin III-VO und die in Art. 4 Abs. 1 im Einzelnen aufgeführten Aspekte unterrichtet worden, insbesondere sei ihm das nach Art. 4 Abs. 3 Dublin III-VO vorgeschriebene gemeinsame Merkblatt nicht überreicht worden, führt nicht zum Selbsteintritt der Antragsgegnerin.

Zu dem Dublin-Verfahren hat das Verwaltungsgericht Schwerin in seinem Beschluss vom 17.03.2015 umfassend ausgeführt:

„…Soweit der Antragsteller darauf hinweist, er sei entgegen Art. 4 VO 604/2013 nicht über die Anwendung der Dublin-Verordnung informiert worden, vermag er damit nicht durchzudringen. Zwar entspricht das von der Antragsgegnerin verwendete Merkblatt D1260 über das Dublin-Verfahren nicht dem ausführlicheren Merkblatt, das die EU-Kommission in Anlage X ihrer Durchführungsverordnung vom 30. Januar 2014 zur Änderung der Verordnung Nr. 1560/2003 vorgesehen hat. Der wesentliche Inhalt des Dublin-Verfahrens wird dem Antragsteller aber durch das vom Bundesamt verwendete Merkblatt und die weiteren dem Antragsteller gegebenen Informationen ausreichend näher gebracht. Insofern liegt nach Auffassung des Gerichts bereits kein Verfahrensfehler vor. Aus Art. 4 Abs. 3 Dublin-III VO folgt insbesondere nicht, dass das Merkblatt der EU-Kommission zur Unterrichtung im Dublin-Verfahren für die Durchführung des Verfahrens von wesentlicher Bedeutung ist. Deshalb spricht auch einiges dafür, dass nach den allgemeinen, in § 46 des Verwaltungsverfahrensgesetzes zum Ausdruck kommenden Rechtsgrundsätzen ein diesbezüglicher Verfahrensfehler jedenfalls unbeachtlich wäre. Nach § 46 VwVfG darf ein Verwaltungsakt nicht allein deshalb aufgehoben werden, weil sie unter Verletzung von Verfahrens,- Form oder Zuständigkeitsbestimmungen zustande gekommen ist, wenn offensichtlich eine gleichlautende Entscheidung zu treffen wäre. Anderes folgt im vorliegenden Fall auch nicht aus der Rechtsprechung des Gerichtshofs der Europäischen Union zum harmless error principle. Danach führen wesentliche Verfahrensfehler zur Aufhebung der entsprechenden Verwaltungsentscheidung, wenn sie geeignet sind, sich auf die inhaltliche Entscheidung auszuwirken und deshalb ein Kausalzusammenhang zwischen dem Fehler und der Verwaltungsentscheidung besteht.

Aus einer fehlenden oder unzureichenden Information zum Verfahren nach der Dublin-III Verordnung kann nicht zwingend geschlossen werden, dass der Fehler für die spätere Entscheidung kausal gewesen ist. Das Informationsrecht nach Art. 4 Dublin-III VO zielt darauf ab, den Antragsteller über seine Rechte zu informieren, damit er diese wahren kann. Der maßgebenden Sachverhalt wird aber erst in der persönlichen Anhörung nach Art. 5 Dublin-III VO bzw. § 25 AsylVfG geklärt, worauf auch Art. 4 Abs. 2 UA 2 Dublin-III VO verweist.

Ein möglicher Verfahrensfehler hat auch im Übrigen keine Auswirkung auf die Entscheidung des Bundesamtes gehabt. Bei der zu treffenden Entscheidung nach § 27a AsylVfG handelt es sich um eine gebundene Entscheidung. Nach dem Wortlaut dieser Bestimmung hat eine Überstellung in den zuständigen Staat bei Feststellung von dessen Zuständigkeit zwingend zu erfolgen. Dies folgt auch aus Art. 3 Abs. 1 Satz 2 Dublin-III VO, wonach der Asylantrag von einem einzigen Mitgliedstaat geprüft wird, der nach den Kriterien des Kapitels III als zuständiger Staat bestimmt wird. Nur ausnahmsweise kann der unzuständige Staat in einem zweiten Schritt nach Art. 17 Dublin-III VO die Zuständigkeit an sich ziehen....“

Dem schließt sich das erkennende Gericht an.

Es besteht auch keine Veranlassung das Verfahren auszusetzen und eine Vorabentscheidung des Europäischen Gerichtshofs gemäß Art. 267 Abs. 1 und 3 des Vertrages über die Arbeitsweise der Europäischen Union - EUV - einzuholen. Diesbezüglich hat das erkennende Gericht bereits im Beschluss vom 23.04.2015 ausgeführt:

„Nach Abs. 1 dieser Bestimmung entscheidet der Gerichtshof der Europäischen Union im Wege der Vorabentscheidung über die Auslegung der Verträge und über die Gültigkeit und Auslegung von Handlungen der Organe, Einrichtungen oder sonstigen Stellen der Union. Stellt sich die Frage nach der Auslegung oder Gültigkeit in einem schwebenden Verfahren bei einem erstinstanzlichen Gericht, dessen Entscheidungen selbst nicht mehr mit Rechtsmitteln des innerstaatlichen Rechts angefochten werden können, so ist dieses Gericht gemäß Abs. 3 der zuvor genannten Norm zur Anrufung des Gerichtshofs verpflichtet.

Das Verwaltungsgericht Magdeburg ist zwar letztinstanzliches Gericht im Sinne von Art. 267 Abs. 3 EUV. Es besteht jedoch im Verfahren vorläufigen Rechtschutzes keine Vorlagepflicht, wenn es - wie hier - jeder Partei unbenommen bleibt, ein Hauptsacheverfahren, in dem die Frage nach der Auslegung der Verträge bzw. der Gültigkeit oder Auslegung einer Unions-Handlung erneut geprüft werden und die den Gegenstand einer Vorlage nach Art. 267 EUV bilden kann, entweder selbst einzuleiten oder dessen Einleitung zu verlangen.

Auch dem schließt sich das Gericht an.